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ARIANE FALLER – Reminiszenzen

ArianeFaller_Reminiszenzen_2020

Reminiszenzen

Ein zentrales Thema meiner neuen Werkgruppe, die ich im Januar 2020 – nach einer Zäsur in Form eines Umzugs in ein anderes Atelier – begonnen habe, sind Orte. Scheinbar unberührt oder von den Menschen stark beeinflusst: Orte sind Manifestationen von Atmosphäre, Stimmung und Zeit, Schauplätze von Situationen, denen man sich nicht entziehen kann, aber auch Potentiale für Erinnerungen.
Meine Arbeiten sind Reminiszenzen, Destillate von unzähligen Erinnerungen und Augenblicken, ein Cuvée visueller Fragmente, die meine Wahrnehmung von Orten und Momenten zeigen, meine Standpunkte und Fragen, meine Empfindungen, aber auch persönliche Eindrücke und Erinnerungen anderer wachrufen möchten. Es ist nicht „mein“ Meer, das immer wieder zu sehen ist, es ist unser aller. Alte Fotos meiner Vorfahren, Kinderfotos von mir und auch von meinen Kindern kommen in meinen Arbeiten vor, doch hat auch jeder andere einen Fundus an Familienfotos, jeder hat bereits einen Magnolienbaum betrachtet, jeder kennt ein Kind, das gerne schaukelt und diese, an Gesehenes geknüpften Kenntnisse lösen möglicherweise etwas im Betrachtenden aus. So viele hatten einen Großvater, der im Krieg Schützengräben ausheben, vielleicht seine Waffe auf andere Menschen richten und vor allem um sein Leben fürchten musste. Und überhaupt: die Menschen… Eine immer wieder aufs Neue rätselhafte Spezies, der wir mit allem Herzblut angehören und die wir doch immer wieder kopfschüttelnd aus scheinbarer Distanz betrachten. Was bedeutet es, jemanden zu kennen? Kann man jemanden wirklich kennen? Und was hat das mit dem Erkennen, dem Wahrnehmen einer Person zu tun? Nahezu besessen bin ich von Fotos meiner Ahnen. Als sie jung waren, waren sie so fröhlich, unbeschwert, voller Träume und Zuversicht. Was ist heute davon übrig? Und was ist mit uns selbst – sind wir die, die wir damals sein wollten und falls nicht – und das ist der Fall, der meistens zutrifft -, ist es trotzdem gut, so wie es ist? Was hat sich auch nach dem Tod von Menschen, die wir vermeintlich gekannt haben, erhalten – an Wissen und Überlieferungen, Eindrücken und Mutmaßungen? Das Vergessen treibt uns ebenso um wie das Nichtvergessen – die Erinnerung.
Das Durcheinander unterschiedlicher Zeitebenen ist ein wesentliches Element meiner Arbeit – Erinnerungen sind selten linear, sie tauchen auf und verschwinden wieder und dabei ist es gleich, ob es ein Eindruck aus der Kindheit ist, der uns spontan in den Sinn kommt oder wenig später ein Flash-back eines Blickes, der nur wenige Jahre zurückliegt oder vielleicht nur wenige Tage. Hinzu kommen Erinnerungen an Fotos, beispielsweise von Orten, die wir eigentlich gar nicht kennen, aber die uns von eben diesen Abbildungen so vertraut sind, dass es kaum einen Unterschied macht. Ein Bunker an der Küste, heute fotografiert, ist anders als derselbe Bunker zu Kriegszeiten, aber das Vergangene wird immer ein Teil von ihm sein.
Die Frage, ob es eine Art „gemeingültigen“ Sinn gibt und worin er wohl liegen könnte, beschäftigt mich seit langem. Die Frage, ob es wesentliche Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen gibt, wie Kunst andere Menschen erreicht und auf welchen Ebenen. Albert Camus schrieb: „Um jedoch von uns allen zu sprechen, muss man von dem sprechen, was alle kennen, und von der Wirklichkeit, die uns gemeinsam ist. Meer, Regen, Bedürfnis, Verlangen, Kampf gegen den Tod, das sind die Dinge, die uns alle verbinden.“ Nehme ich dies als Prämisse – und das tue ich, weil es derzeit nichts gibt, was mir überzeugender erscheint -, sind meine Arbeiten visuelle und im Grunde auch haptische, malerisch-fotografische Untersuchungen der Wirklichkeit, die wir voraussetzen oder zumindest annehmen, mehrdimensionale Collagen als eine Annäherung an eine multidimensionale Welt.